324. Text_Mittendrin statt nur dabei

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Terroranschlag in meiner Heimatstadt und ich in der Nähe.

Herzensglück und ich waren in einem Konzert und als dieses zu Ende war, sagt uns eine Billeteur, es gäbe eine Schießerei in der Nähe und vielleicht wollen wir ja im Haus bleiben. Wir denken, es wurde ein Geschäft überfallen und alles nicht so schlimm, holen noch unsere Garderobe.
Mit uns sind die Mitarbeiterin des Auftraggebers vom Projekt, für das ich arbeitsmäßig zuständig bin und mit der ich eng zusammenarbeite und mich sehr gut verstehe, und ihre Freundin.
Wir hatten nämlich die 2 Karten für dieses Konzert, zu dem eigentlich unsere Freunde mitgehen wollten, deren Kind aber 5 Wochen zu früh zur Welt gekommen war und die ihre Karten weitergaben, ihr angeboten.
Im Eingangsbereich dann ein Mann aus dem Management, der sagt, die Polizei empfiehlt, das Haus nicht zu verlassen, von Fenstern und Türen wegzugehen und sie würden einen Saal zur Verfügung stellen, in dem man abwarten und sich die Nachrichten ansehen kann.
Wir sind noch etwas ungläubig, unser Motorrad steht ja direkt vorm Haus, es war ja ein lauer Novemberabend, also hatten wir das Zweirad genommen und nicht die öffentlichen Verkehrsmittel. Und während wir noch überlegen, doch heimzufahren, sehen wir Polizeieinheiten mit Helm und Schutzwesten mit schweren Waffen im Anschlag, die vorm Haus Stellung beziehen.
Ja, und dann sitzen wir 3 Stunden im Veranstaltungshaus fest, informieren uns über Handy, was los ist, erfahren von Schießerei und Toten sowie Verletzen und unübersichtlicher Lage. Man weiß nicht, wie viele Täter es sind, einer erschossen, andere vielleicht noch unterwegs, Bezirk abgesperrt, U-Bahn bleibt nicht in den Stationen dieses Bezirks stehen …
Meine Mutter ruft mich aufgelöst an, sie macht sich Sorgen, fragt, ob wir eh zu Hause sind und ist entsetzt, als sie hört, dass wir am Rand des Einsatzgebiets im Haus festsitzen. Ich gebe meinen Kindern Bescheid, dass es uns gut geht, sie wollen auf dem Laufenden gehalten werden.
Das Management teilt Mineralwasser aus, stellt die Verbindung zwischen uns Wartenden und der Polizei vor der Türe her und gibt Neuigkeiten an uns weiter.
Rundum hell erleuchtete Handys, jeder holt sich Info, schaut über Livestream die Nachrichten der Sondersendungen, die Verbindung ist nicht gut, immer wieder bricht sie ab. Wir beginnen uns darauf einzustellen, dass wir die Nacht hier verbringen. In einem wunderschönen Saal, in dem normalerweise wundervolle Musik genossen wird, in dem man das Schöne erlebt … jetzt ist es völlig konträr.
Alle versuchen zu begreifen, was sich draußen gerade abspielt.
Die Akkus werden leerer, das macht Sorge, wie verständigt man dann die Angehörigen, wenn man nach Hause darf, Telefonnummern werden auf Papier geschrieben, bevor das Handy erlischt, damit man von der öffentlichen Telefonzelle jemanden erreichen kann.
Nach Mitternacht dann die Information, dass alle großen Häsuser in der Umgebung evakuiert werden, die Polizei würde uns zur nächsten U-Bahn-Station evakuieren, damit wir aus der Gefahrenzone kommen.
Leute sind aufgeregt, wollen wissen, wohin diese U-Bahn fährt, ob dann dort Taxis zum Heimfahren stünden, ob man nicht doch nur durch den angerenzenden Park gehen könne, weil man sei dort gleich zu Hause.
Man fasst es nicht, wie eigenbezogen manche Menschen selbst in so einer Situation noch sind.
Es dauert noch lange Zeit, bis der Polizist zurückkommt und das Prozedere erklärt: Wir müssen uns in 4er-Reihen aufstellen, damit wir einen Pulk bilden, um den herum die Polizisten die Umgebung absichern können. Wir müssen zügig gehen. …
Wieder dauert es und dann setzen wir uns in Bewegung, gehen die Treppen im dunklen Stiegenhaus hinab in den Eingangsbereich, dort in 4er-Reihen aufstellen, die Polizei schreitet die Reihen seitlich ab und stellt Menschen, die alleine sind, noch zu Menschen, die nur zu dritt in der Reihe stehen.
Wieder der Befehl, zügig zu sein und keine Lücken in die Reihen reißen zu lassen.
Dann öffnet sich die Türe und wir treten hinaus, es geht zügig voran, Polizisten um uns, die angespannt mit gezogenen schweren Waffen die Umgebung abblicken, uns antreiben. Plötzlich Stillstand, wir stehen im Freien, rundum ist es dunkel, die Funkgeräte knacken, undeutliche Meldungen sind zu hören. Ich fühle mich nackt und unbeschützt trotz der vielen Polizisten. Im Haus habe ich mich sicherer gefühlt.
Herzensglück hält meine Hand noch ein wenig fester.
Nach ein paar Minuten geht es weiter, die Treppe zur U-Bahn hinunter, dort stehen wir vor versperrten Eisengittern, links geht ein Gang zu einer weiteren U-Bahn-Linie ab und gleichzeitig auch ins Freie zu einem Park. Polizisten leuchten den Gang entlang, einige werden abgestellt, den Gang zu sichern. Plötzlich ein wenig Hektik, ein Polizist hat eine offene Türe entdeckt, wir werden aufgefordert, den Bereich vor diesem Seitengang zu räumen. Mir wird bewusst, dass jemand, der draußen im Dunklen steht und hereinschießt, uns schön wie Jagdwild vor der Flinte hätte.
Es wird Entwarnung gegeben. Und es gibt tatsächlich noch in dieser angespannten Situation Menschen, die vom Polizisten, der den Einsatz befehligt, wissen möchten, wo dann ein Taxi warten könnte, wohin die U-Bahn genau fährt, ob nur bis zur nächsten Station oder bis zur Endstelle, was dort dann wartet… Ich bewundere den Mann, der trotz seiner Anspannung und dass er seine Kollegen im Auge haben muss, im Funkgerät die neuesten Infos hören möchte noch Nerven genug hat, freundlich zu bleiben.
Endlich die Info, dass wir diesen Gang zur U-Bahn gehen sollen, dort würden schon 2 Sonderwägen mit offenen Türen warten und uns aus der Gefahrenzone bringen.
Meine Projektkollegin entscheidet sich für die andere Fahrtrichtung, obwohl wir angeboten haben, dass sie mit uns kommt und wir sie dann nach Hause bringen, weil sie von der Station noch einen langen Heimweg habe, da sie näher an ihr Zuhause kommt.
Ihre Freundin steigt mit uns ein, da sie in die gleiche Richtung muss.
Es schließen sich die Türen und wir fahren ab. Die U-Bahn hält an allen Stationen, die auf ihrer Linie liegen, die Menschen steigen nach und nach aus. Ich telefoniere mit meinem Bruder, der angeboten hat, uns abzuholen, und sage ihm, wo wir aussteigen werden. Der Freundin der Kollegin biete ich an, das sie auch nach Hause gebracht werden kann, aber sie hat eine Freundin, die sie eine Station weiter abholen wird.
Wir haben uns alle versprochen, einander Bescheid zu geben, wenn jeder von uns wohlbehalten zu Hause angekommen ist.

Mein Bruder wartet auf uns, wir reden bei der Fahrt über das Geschehene, bekommen letzte Meldungen, die er im TV gesehen hat.
Zu Hause sind wir noch zu aufgewühlt, um schlafen gehen zu können, wir drehen den Fernseher auf, können trotz all der Erklärungsversuche nach wie vor nicht begreifen, was da los ist.
Es kommt ein SMS der Freundin der Kollegin, sie sei gut zu Hause angekommen, auch meine Kollegin schickt eine Nachricht, sie ist zu Hause, auf dem halben Heimweg sei ein Taxi aufgetaucht, mit dem sie fahren habe können statt 45 Minuten gehen zu müssen.

Die Bilanz: 4 Tote, ein toter Attentäter, 22 Verletzte und viele offene Fragen, wie das passieren konnte.
Aber auch Meldungen über viel Unterstützung und Hilfsbereitschaft, Zusammenhalt.

Es grüßt euch eine nachdenkliche, aber auch zuversichtliche
Patentsocke



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    • Danke!
      Wir drei Frauen – die Kollegin, deren Freundin und ich – haben bemerkt, dass wir auch noch 2 Tage danach recht dünnhäutig waren. Es „beeindruckt“ einen doch mehr, als man anfangs denkt.

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