Archiv für den Monat April 2020

307. Text_Lebenszeichen aus der neuen Normalität

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Liebe Blogbesucher!

Ganz schön lange her, seit ich hier gepostet habe, wo ich doch eigentlich viel mehr Zeit habe, weil alles entschleunigt ist und ich ja offiziell/angemeldeter Weise nur 10 % meiner Wochenstunden erbringe.

Nun ja, das klingt auf dem Papier alles so wunderbar, nur der Alltag schaut dann doch ein bissel anders aus.

Die 10 % meiner Wochenstunden sind natürlich illusorisch und ich muss mir selber die Stop-Taste anordnen, dass ich für XY % Gehalt auch nur XY % an Stundenleistung bringe.
Alles andere wäre mir selbst ins Knie geschossen.

Ich hadere noch immer mit der Situation, vor allem, wenn ich bei meiner Kollegin mitbekomme, dass sie Überstunden macht, damit sie alle anderen Arbeiten, bei denen ich sie normalerweise neben dem Projekt, das ich alleine betreue, unterstütze, schafft.

Aber vermutlich steigt das Unternehmen finanziell besser aus, wenn es für mich Förderung kassiert (was nicht so viel sein wird wie gedacht, weil ich ja mehr als die 10 % arbeite) und der Kollegin die Überstunden abgilt (ich vermute mal in Freizeit).
Natürlich ist es auch ein finanzieller Verlust, den ich durch die Situation habe.
Ich nage jetzt nicht am Hungertuch, aber ich merke es schon auf dem Konto.
Und die Freiheit und das ungetrübte Vergnügen, die ich früher hatte, mal eben beim Gartenmarkt schöne Pflanzen für den Garten zu kaufen, ist gedämpft, wenn ich weiß, dass halt nicht genau so viel Geld zur Verfügung steht wie sonst.
Natürlich habe ich einen Mann, der nach wie vor voll verdient, der zahlt auch das eine oder andere, um mich zu entlasten, aber es tut meiner Psyche nicht gut, da eine gewisse Abhängigkeit zu spüren.,
Nach meiner Scheidung vor 26 Jahren hatte ich mir nämlich geschworen, nie wieder von einem Mann finanziell abhängig sein zu wollen.

Die Entschleunigung durch den Wegfall der Treffen mit Freunden und Familie und unserer Konzert-, Theater-, Kabarett-, Ausstellungsbesuche ist jetzt mit Handgriffen im Haus und Garten gefüllt. Mit anstehenden Reparaturarbeiten, mit dem Lesen von Büchern.
Gestern habe ich Buch Nummer 8 beendet.

Ich videofoniere mit meinen Kindern und Enkelkindern, die stolz ihre Basteleien, die neue Katze oder ihre Garten-Beete herzeigen.

Und ja, dann gibt es noch etwas Neues, Zukunftsträchtiges:
Mein ältester Sohn hielt beim letzten Videogespräch ein Ultraschallbild in die Kamera.
Ja, richtig geraten, ich werde im Dezember zum 6. Mal Großmutter! 🙂

Trotz all der Hilfsmittel der Kommunikation vermisse ich die Treffen mit ihnen allen und wenn ich dann Kleintochter sehe oder meine Eltern oder meinen Bruder mit Familie, die ja schräg gegenüber wohnen und mit denen wir im gebührenden Mindestabstand (quasi über den Zaun) reden können, vermisse ich, dass ich sie nicht umarmen darf.

Und natürlich hoffe ich noch immer sehr, dass Großtochter mit ihren Lieben Anfang Juni kommen darf – aber der realistischere Teil in mir vermutet, dass wir noch einige Wochen  ins Land ziehen lassen müssen, um uns wieder zu sehen.
So schwer war mir ums Herz, als ich mit meinem Enkelkind zu seinem Geburtstag videofoniert habe und im 2. oder 3. Satz kam: Oma, ich besuche dich ja jetzt ganz bald!

Nun freuen wir uns, dass diverse Geschäfte wieder offen haben, dass die Restriktionen aufgehoben bzw. zurückgefahren werden.

Herzensglück startet kommende Woche in eine 40:60-Lösung, heißt 2 Tage Büro und 3 Tage Homeoffice.

Bei uns gibt es kommende Woche an 3 Tagen mit jeweils 3 Kleingruppen Gespräche, mit Erfahrungen, Problemen etc. zu Homeoffice und dem langsamen Hochfahren des Arbeitsalltags in der Arbeit.
Bin gespannt, ob ich dazu eingeladen werde, denn offiziell bin ich bis Ende Juni in Kurzarbeit.
Aber dies „neue Normaliät“ von der die Rede ist: Ich glaub, mit der werde ich nicht wirklich warm werden.

Es grüßt euch eine  –  herzensglücklich nach wie vor, aber doch ein bissel emotionsgedämpfte – Patentsocke

 

 

 

 

 

 

306. Text_Stille_Leere_Lehre?

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Liebe Blogbesucher!

Ich habe mich gerade durch die Blogs einiger Menschen gelesen, denen ich auf ihren Blogeinträgen folge.
Vieles, was sie schreiben, spricht mir aus dem Herzen.

Seit 3 Wochen dreht sich die Welt noch immer, aber irgendwie doch anders.

Als am Freitag erste Gerüchte umgingen, dass man Social Distancing machen solle, habe ich meinem mir vorstehenden Kollegen mitgeteilt, dass ich in der kommenden Woche mein Projekt ohne Probleme von zu Hause aus erledigen kann.

Da hieß es noch: Das ist noch nicht angeordnet.

Ich nahm vorsichtshalber alle Unterlagen mit nach Hause – schlimmstenfalls müsste ich sie am Montag wieder in die Arbeit mitnehmen.

Am Sonntag dann die Info per Mail, dass nur ein Kernteam in der Arbeit sei und alle anderen Homeoffice machen sollten.
Na geht doch.

Am Donnerstag der Woche dann ein Anruf des Firmenchefs persönlich bei mir:
Die Situation erfordere es, dass ich in Kurzarbeit geschickt werden muss.
Er würde Formulare schicken, die ich unterzeichnen soll.
Auf meine Fragen hat er keine Antworten: Die Situation war so noch nicht da.

Ich antworte, dass die 10 %, die ich jetzt in der Woche arbeiten dürfe, nie und nimmer reichen würde, um mein Projekt zu begleiten, kontert er: Die Prozent können immer noch gesteigert werden, runtersetzen kann er sie nicht.

Ok, also arbeite ich jetzt nur mehr 10 % meiner Wochenstunden.
Da ich am Tag vor dem Anruf sogar noch 2 Mehrstunden zu meinen normalen Tagesstunden gearbeitet hatte und die KollegInnen mir Arbeitsaufträge schickten, informierte ich alle darüber, dass ich in Kurzarbeit geschickt bin.

Das entfachte natürlich einen heftigen Aufschrei unter den KollegInnen und brachte mir einen wütenden Anruf meines Chefs ein, was ich mir dabei denke, das so rauszuposaunen und alle in Unruhe zu versetzen.
Ich verteidigte mich damit, dass ich den KollegInnen damit kundtun wollte, dass sie mit meiner Unterstützung nicht rechnen sollten und mir keine Arbeit mehr schicken sollten, da ich mit meinem ureigensten Projekt ja ohnehin schon über die 10 % Arbeitszeit kommen würde.

Nun, so bin ich also seit 1. 4. in Kurzarbeit, für die nächsten 3 Monate ist das beantragt.
Meine Wochenstunden habe ich bis gestern bereits überschritten – und dabei ist bei meinem Projekt jetzt noch nicht mal die Hauptarbeitszeit mit ganz vielen Anforderungen.

Natürlich bedeutet das auch Lohnkürzung und ich komme durch, man kann ja eh kein Geld ausgeben. Trotzdem merke ich, wie mich das unruhig macht.

Und abseits der finanziellen Einbußen merke ich, dass es mit mir auch psychisch etwas macht.
In den letzten beiden Wochen fallen mir viele Situationen aus meiner Kindheit ein, ich erinnere mich an Momente mit meinen Großeltern.

Vermutlich sehne ich mich in diesen unsicheren Zeiten nach dieser Sicherheit meiner Kindheit zurück, die mir meine Großeltern immer geben konnten. Da war ich angenommen, so wie ich bin, da konnte ich mich fallen lassen.
Das wünsche ich mir vermutlich jetzt auch.

Ich versuche dem Gedanken, dass ich jetzt das wirklich Wichtige im Leben mehr erkennen könne, Raum zu geben, aber irgendwie kommt das nicht so richtig an.

Ja, ich genieße es, am Morgen nicht innerhalb von 30 Minuten ausgehfertig zu sein, im Auto zu sitzen, quer durch die Stadt zur Arbeit zu fahren und dort 8 Stunden zu sitzen und dann 60 Minuten nach Hause zu stauen.

Ich genieße es, stattdessen gemütlich zu frühstücken, bei warmem Wetter auf der Terrasse den Blick über den Garten schweifen zu lassen und die Sonnenstrahlen zu genießen.

Aber dann bemerke ich nach 2 Wochen, dass ich nicht mehr auf Anhieb weiß, welcher Wochentag ist.
Dabei schauen mein Herzensglück und ich darauf, dass wir nur am Wochenende so ausgiebig frühstücken wie zu „Normalzeiten“.

Ja, Herzensglück ist auch im Homeoffice und nun kommt es uns zugute, dass wir sehr gut miteinander 24 Stunden verbringen können.

Wir strukturieren unseren Tag:

Der Wecker läutet um 7 Uhr, dann frühstücken wir, wobei wir jeden Tag anderes essen: Müsli, Toastbrot, dunkles Brot, Kipferl …
Sonntag gibt es das frische Gebäck vom Bäcker.
Danach beginnen wir unser Tagwerk.
Ich habe diesen Montag meinen Rechner aus der Firma geholt, das erleichtert das Arbeiten ungemein, weil ich darauf Programme habe, die ich dringend benötige.
Mittag essen wir entweder etwas Kleines/Kaltes, wenn wir für den Abend ausgiebiges Essen geplant haben, oder wir wärmen uns die Reste vom ausgiebigen Abendessen des Vortages.
Nachmittags gibt es Kaffee und was kleines Süßes, dazu schauen wir uns etwas im TV an: Reisereportagen von Paul Merton z. B. oder eine Serie über den Beginn des englischen Fußballs etc.
Die Wochenenden verbringen wir je nach Wetter mit Spaziergängen im Wald. Wie gut, dass wir am Stadtrand wohnen. Oder wir werken im Garten. Wir lesen, erledigen Handgriffe im Haushalt, ordnen, schlichten, misten aus.

Vorgestern war Kleintochter bei uns, um ihr Zimmer durchzumisten – kommende Woche wird ein neues Bett geliefert, das wir vor Wochen bestellt haben.
Ich darf sie beim Kommen und  Verabschieden nicht umarmen und kein Bussel geben. Beim gemeinsamen Kaffee sitzt sie auf der einen Tischseite und wir auf der anderen.
Als wäre sie eine Aussätzige.
Es ist irgendwie schizophren, dass wir einerseits mehr an den anderen denken sollen, aber ihn gleichzeitig als eine potenzielle Gefahr einstufen.
Wird uns das bleiben, dass wir künftig alle Oberflächen und jedes andere menschliche Wesen als hochgradig krankheitsbringend einstufen?

Herzensglück ist besonders vorsichtig, denn er will keine Atemnot erleben.
Er hat schon immer auf Langstreckenflügen bei herabgesetztem Kabinendruck das Problem, dass er nicht schlafen kann, weil er zu wenig Luft bekommt. Er hat schon mal eine Reise in große Höhen abgebrochen, weil er das Gefühl hatte zu ersticken.
Und damit kann er gar nicht, sagt er.
Das will er nicht nochmal erleben.

Es grüßt euch eine noch immer herzensglückliche,
aber manchmal auch ein bissel bluesige

Patentsocke