189. Text_Die Kruste bricht

Standard

Liebe Blogbesucher!

Die Kruste bricht und lässt plötzlich auch Dinge aus der Vergangenheit – meiner Krebs-Vergangenheit
(die ja auch Gegenwart ist) – durch.
Bis jetzt „wunderbar“ unter einer dicken Schicht von Panzerung verborgen, das Starksein im Vordergrund, Gedanken/Ängste/Sorgen weggeschoben mit „Ok, dann also OP, Augen zu und durch“, „Jetzt Strahlentherapie – Augen zu und durch“, „Tablettentherapie, Augen zu und durch“  …
Und jetzt bricht diese Kruste

Ich gehe nahe dem Spital, in dem ich die Strahlentherapie hatte, und sehe einen schön gewachsenen Baum und überlege, wo im Areal des Spitals der steht.
Dort, beim Pavillon, in den ich 6 Wochen hineinging, um mich für ein paar Minuten unter die Bestrahlung zu legen.
Und wie ein Backflash sind plötzlich  – jetzt, nach 3 Jahren (!!!) – Gefühle da, die ich damals wohl hatte, aber nicht zugelassen habe.
Ich gehöre jetzt zu denen.
Ich habe Krebs.
Ich will gesund sein und nicht tagtäglich hier herein.
Ich hasse es, mich auszuziehen und mich den Blicken all der Abteilungsangestellten auszusetzen.
Ich hasse dieses Gerät, das auf mich ausgerichtet wird.
ICH WILL DAS ALLES NICHT!!!!

Ich gehe weiter und stehe an der Bushaltestelle und der Gedanke „Ich habe Krebs“ ist plötzlich so nah, so intensiv,
so überwältigend, wie er bis jetzt nie da war.
Nicht bei der Diagnose, nicht bei der OP.

Die Kruste bricht

Wie viel Kraft habe ich bis jetzt dafür aufgewendet, um all das zu unterdrücken,
nicht wahrzunehmen, nicht nach außen zu lassen?
Viel Kraft. Das wird mir jetzt bewusst.
Kraft, die ich für anderes sinnvoller hätte einsetzen können.

Ich habe es den Menschen um mich leicht und auch wieder nicht leicht gemacht.
Ich war stark, ich habe jeden Schritt genommen, ich habe eine Fassade aufrechterhalten.
Und ich hab mir dadurch die Möglichkeit genommen, alles aus mir herauszuschreien.
Um es herauszuschreien, hätte ich es vorher in Worte fassen müssen … das hab ich mir untersagt.
Ich wollte diese Worte nicht denken, sprechen, wahrnehmen.

Damals, als der Schrei in mir laut war und stumm in mir verhallt ist … sogar für mich.

Die Kruste bricht

Und jetzt höre ich diesen Schrei, ich lasse den Zorn auf die Krankheit zu, den Zorn auf die Hitzeanfälle,
auf die Narbe, die sie mir gesetzt hat,
auf die vielen Narben, die sie mir zugefügt hat.

Aber ich verharre nicht im Zorn und nicht in der Trauer.
Ich lasse sie zu, sie kommen in Wellen.
Ich nehme sie an.

Die Kruste bricht

Auch das bin ich.

Eure Patentsocke

Advertisements

»

  1. Ich glaube in der der jeweiligen Situation drin, braucht man manchmal so eine Kruste um es überhaupt aushalten zu können. Dass sie nun bei Dir aufbricht sehe und empfinde ich als ein (gutes) Signal der Verarbeitung. Ich kenne ehemals Betroffene, bei denen das nicht passiert ist und die heute noch unter dieser Kruste leben. Damit sind sie auch (leider) immer noch irgendwie mit dem Kopf mitten in der Krankheit, obwohl das gar nicht mehr notwendig wäre.

    lieben gruss
    sue

    • Liebe Sue!
      Ich verarbeite momentan viel und da gehört mein Krebs dazu. Er ist Teil von mir und wird es aufgrund aller Erfahrungen, die ich durch die Krankheit gemacht habe, auch ein Leben lang bleiben. Wichtig ist, dass ich es verarbeite und dazu gehört das Zulassen, das Auseinandersetzen und dann das Loslassen.
      Liebe Grüße
      Söckchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s